Der Mitarbeiter-Score – kommt der Büro-Überwachungsstaat?
Holger Winkelsträter,
19.03.2020
Facility Management

Der Mitarbeiter-Score – kommt der Büro-Überwachungsstaat?

Moderne Sensorik, hochauflösende Kameras und leistungsstarke Computer machen’s möglich: Unternehmen kümmern sich oft mehr um ihre Mitarbeiter als ihnen lieb ist. Da schwant uns für die Zukunft Fürchterliches. Eine gefährliche Satire, wie sie hoffentlich nie Wirklichkeit werden wird.

Soll dann keiner sagen, ich würde mich nicht für meine Mitarbeiter interessieren …

… so wie damals, als ich – zugegeben etwas übereilt – das Facility-Management abgeschafft hatte. OK, das überflutete, zugemüllte und völlig verwahrloste Bürogebäude mussten wir abreißen. Aber den Neubau, den habe ich dann ganz State oft die Art aufgerüstet.

Arbeitszeiterfassung ist gut – Bewegungsprofile sind besser. Seitdem man bei jedem Durchgang jede Zwischentür mit seiner persönlichen RFID-Keycard aufschließen muss, bin ich da viel besser im Bilde. Was hat zum Beispiel die Dombrowski vom Einkauf im Lager verloren? Gut, dass sich die Überwachungskamera gleich automatisch ausrichtet – aha, ein Techtelmechtel mit dem großen, dunkelhaarigen Praktikanten vom Versand. Hilft nichts, Leute, wenn ihr euch zum Knutschen in eine dunkle Ecke verzieht, die Kamera arbeitet auch im Infrarotbereich. Das wollen wir doch gleich mal zur Abschreckung ins Intranet streamen.

Die automatische Videoauswertung gibt laut ….

… weil die Personenzahl in der Teeküche den Grenzwert 2 gerissen hat. Entwickelt wurde das System ja eigentlich fürs anonymisierte Kundentracking auf Verkaufsflächen. Aber ich nehme das lieber persönlich. Schön, dass die neue Clearview-Gesichtserkennung gleich die Namen der gelernten Brotzeitmacher an die Zeiterfassung weitergibt. Fürs Kaffeetscherl zahle ich euch nicht! Mal sehen, ob die automatische Audioauswertung irgendwelche Keywords herausfiltern kann. War ja wieder klar: Der ewige Grantler Höckenstaller faselt was von „Big Brother is watching you!“ Daran wird er sich bei der Weihnachtsgratifikation noch erinnern.

Schon wirklich klasse, die Gesichtserkennung. Sonst hätte ich womöglich übersehen, dass der Schmitz von der Buchhaltung seinen Buben zum Hausaufgabenmachen dabeihat. Pech gehabt, mein Lieber, bei betriebsfremden Personen gibt es ein Red Light. Mal sehen, wie viel Büromiete ich dem Schmitz für die unerlaubte Schreibtischnutzung vom Gehalt abzwacken kann. Wir sind doch hier keine Kita!

Dass man in der Kantine nun mit der Zugangskarte zahlt …

… ermöglicht ebenfalls ganz neue Einblicke. 300 Gramm Schweinsbraten, drei Knödel und extra Soße: Was der alte Querulant Gmeinwieser da in sich hineinschaufelt, liegt im Kalorienbudget um 42,7 Prozent über dem, was die Mitarbeiter-Ernährungs-Tracking-Software für ihn zugelassen hat. Gerade geht er die Treppe rauf, meldet das Bewegungsprofil – Gelegenheit zu einem kleinen Gesundheitscheck. Gut, dass sein Fitnesstracker-Armband kinderleicht zu hacken ist. Na bitte: Puls 140, bei 160 mmHg systolischem Blutdruck – typischer Fall von Arteriosklerose, würde ich sagen. Kein Wunder, bei dem Cholesterinwert, den der Betriebsarzt neulich bei ihm ermittelt hat: 245 mg/dl. Der steht ja schon mit einem Bein in der Urne – der Gmeinwieser, nicht der Betriebsarzt. Bei der Krankenkasse sind solche Infos inzwischen bares Geld wert.

Aber auch beim Umweltschutz wollen wir ja vorankommen: Die Müller-Dornfeldt hat den Thermostat in ihrem Büro auf 24,5 Grad eingestellt: Richtwert ist bei uns 18,5 Grad, wegen des CO2-Footprints – naja wegen der Heizkosten schon auch ein bisschen. Da wird sie wohl ordentlich nachzahlen müssen.

Da kommt schon einiges an Daten zusammen, auf jedem Mitarbeiterprofil. Daraus lässt sich dann prima ein Mitarbeiter-Score errechnen. Eine wirklich wichtige Kennzahl, die ich gut als Schutzschild gegen Gehaltserhöhungsforderungen einsetzen kann. Und wenn sich eine andere Führungskraft mal ein wenig über einen Ehemaligen erkundigt, gebe ich gerne Auskunft: „Also eine 430-er wie die Overbeck würde ich nicht einstellen!“ Beim Score, da kann man wirklich aus dem Modell Fernost lernen: Milliarden Chinesen können doch nicht irren, oder?

… wie jetzt? Vorläufig festgenommen?

Alles nicht erlaubt? Strafanzeige? Kündigungswelle? Diese verwöhnten Schraaz‘n … Da macht man und tut man und kümmert sich, und dann ist’s wieder nicht recht!

Naja, vielleicht doch ein ganz klein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Bei Gelegenheit sollte ich doch mal nachfragen, was im Facility-Management sinnvoll und erlaubt ist – am besten bei jemandem, der etwas davon versteht.

In der Grünen Minna wische ich auf meinem Smartphone herum.

Wie hieß der Laden noch gleich?

Irgendwas mit C …

 

Text: Eva-Maria Beck, Illustration: Thomas Hardtmann