Der Rebound-Effekt: warum Energieeffizienz oft zu kurz gedacht wird
Andreas Blassy,
12.02.2024
Energie

Der Rebound-Effekt: warum Energieeffizienz oft zu kurz gedacht wird

Als Verbraucher neigen wir vielfach dazu, uns eigeninitiativ und in unserer kleinen Welt den großen Problemen zu stellen, weil sie uns, schlicht und einfach, unmittelbar berühren. Dazu gehört auch umweltschädlicher Energieverbrauch, der zu hohen Energiekosten und klimaschädlichen CO2-Emissionen führt. Ihn zu verringern, ist der richtige Weg. Und wenn ihn viele und nicht nur kleine Haushalte beschreiten, sparen wir alle Geld und kommen unseren Klimazielen schnell näher – sollte man meinen. Aber hier lauert eine Gefahr ...

… und die nennt sich: Rebound-Effekt. Darunter versteht man die teilweise oder vollständige Kompensation von umweltschonenden Maßnahmen durch vermehrten Konsum. Hinter mir kann ich gerade ein im besten Sinne des Wortes leuchtendes Beispiel für dieses negative Verhaltensmuster beobachten. Da brennt nämlich das Küchenlicht – seit zwei Stunden. In der Küche ist zwar keiner, aber halb so wild: Ich habe ja die Beleuchtung nämlich vor etwa einem Jahr energetisch saniert: von einer 360-Watt-Halogenleiste auf moderne LEDs, die es heute übrigens schon mit sehr gutem Farbwiedergabeindex gibt. Das kann ich nur empfehlen. Das Gemüse sieht genauso appetitlich aus wie unter den alten Stromfressern, nur eben bei weniger als 50 Watt Energieverbrauch. Eine derart effiziente Beleuchtung gibt es natürlich nicht nur bei mir. Herkömmliche Glühbirnen sind mittlerweile verboten und Leuchtmittel mit einer nur noch minimalen Stromaufnahme überall Standard: auf der Straße im Büro, in öffentlichen Gebäuden. Dazu sinkt der Erzeugungspreis für grünen Strom immer weiter, da Kapazitäten ausgebaut werden.

„Licht aus!“, haben uns unsere Eltern immer eingeschärft „denk‘ an die Stromrechnung!“ „Licht aus!“ sagen wir Energiespezialisten heute, „denk‘ an die Kosten und die Umwelt!“ „Licht an!“ ist aber heute in vielen anderen Bereichen die Devise. Sparsame LEDs und regenerative Energie machen’s möglich, glauben viele. Großzügig fließt Strom in die LED-Leisten im Auto, in das Hintergrundlicht der Küche, in die Deckenfluter auf dem Schrank, in die Ambiente-Beleuchtung hinter dem Fernseher, in große Info-Bildschirme an Haltestellen und vieles mehr.

Auch in der Autoindustrie ist der Energiefluss nach wie vor hoch. Seit Jahrzehnten konstruiert sie immer sparsamere Motoren, die pro Kilowatt Leistung nur noch den Bruchteil von dem verbrauchen, was früher notwendig war – dennoch steigt in Summe der Verbrauch an Kraftstoffen stetig.

Wer den direkten und indirekten Rebound-Effekt außer Acht lässt …

… sollte sich nicht wundern, wenn er bei Energiesparmaßnahmen nicht den gewünschten Effekt erzielt. So musste der Europäische Rechnungshofs jüngst feststellen, dass sich der CO2-Ausstoß neuer Pkws in den letzten zwölf Jahren kaum verringert hat – trotz hoch gesteckter EU-Klimaziele und strenger Vorgaben aus Brüssel. Als Gründe wurden, wenig überraschend, Rebound-Effekte wie höhere Fahrzeuggewichte und Motorleistungen angeführt. Die Hersteller hätten sich mehr darauf konzentriert, den im Labor gemessenen CO2-Ausstoß zu verringern als den tatsächlichen.1 Auch das Umweltbundesamt verweist auf die nur allzu menschliche Effizienzbremse: „Die direkten Rebound-Effekte für Raumwärmenutzung können zehn bis 30 Prozent erreichen. Beim Straßenverkehr deuten die Studien darauf hin, dass Rebound-Effekte durch Energieeffizienz etwas geringer sind (bis ca. 20 Prozent).“ Unerwünschte Kompensationen sind eine der Ursachen, warum in den Sektoren Verkehr und Gebäude regelmäßig alle Klimaziele verfehlt werden.

Rebound-Effekte können Maßnahmen zur Energieeinsparung erheblich ausbremsen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man mit energetischer Sanierung Kosten sparen und unseren Lebensraum schützen möchte. Ein Vollwärmeschutz ist kein Grund, die Raumtemperatur um ein paar Grad zu erhöhen oder die Fenster ständig auf Kipp zu lassen. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach bedeutet nicht, dass die zwanzig Jahre alte Kühltechnik weiter Strom fressen darf. Und das durch den Wechsel auf LED-Licht eingesparte Geld ist besser in weitere Sparmaßnahmen investiert, als in eine neue Fassadenbeleuchtung – auch wenn sie noch so „energiesparend“ ausgelegt ist.

Denn eines ist immer noch klar: Wir müssen unsere Emissionen nicht nur erheblich einschränken, wir brauchen eine ganzheitliche Betrachtung. Herkömmliche Glühbirnen, zum Beispiel, haben den Großteil der eingespeisten Energie als Wärme abgegeben – eine ziemlich teure Strom-Zusatzheizung. LEDs sind viel effizienter, weil sie aus Strom vor allem sichtbares Licht machen. Wer auf LED-Beleuchtung umgestellt hat, muss dies mit einberechnen, muss im Winter mehr heizen – aber eben effizient. Wir müssen nicht auf den gewohnten Komfort verzichten – wohl aber auf neuen, überflüssigen Luxus und veraltete Bestandstechnik.

Wer heute energetisch saniert …

… sollte zuerst einmal genau bilanzieren: Wie hoch ist der aktuelle Verbrauch? Welche Einsparungen sind möglich? Welche wurden tatsächlich erzielt? Wo zeichnen sich Rebound-Effekte ab? Diese Fragen sollten vor und nach der Sanierung geklärt werden. Nur dann ist ein vor allem nachhaltiger Einspareffekt möglich. Dabei gilt: Bei der Erfolgsbeurteilung ist immer die tatsächlich erzielte Energieeinsparung maßgeblich, nicht die Kostenreduktion. Rebound-Effekte sind ein weiterer wichtiger Grund, warum moderne Sensorik und eine möglichst detaillierte Erfassung aller Energieströme im Gebäude so wichtig sind: Nur wer genau über die Energiebilanz im Bilde ist, kann die richtigen Entscheidungen treffen – im Prinzip.

Ob der Endanwender das Sparkonzept dann auch umsetzt …

… ist aber wieder eine ganz andere, psychologische Frage. Ich schalte das Küchenlicht ja auch oft nicht aus, obwohl ich es besser weiß. Ich bin halt einfach zu nachlässig, den Schalter zu betätigen. Eine schlechte Angewohnheit aus einer Zeit, in der wir günstige Energie ungeniert verschwendet haben. Und damit ich mir das nicht eingestehen und mich nicht ändern muss, mache ich mir weiß, ich hätte mir durch die effizientere LED-Technik das Lichtanlassen sozusagen „verdient“. Die Psychologie spricht hier von einer moralischen Lizenzierung.

Der Rebound-Effekt geht auf individuelles Verhalten zurück – das, technisch und finanziell betrachtet, nicht immer rational ist. Umso wichtiger ist es, Awareness für das Problem und die zugrundeliegenden Mechanismen zu schaffen. Wir sollten uns bewusst machen, dass Energie teurer wird, dass man mit einfachen persönlichen Sparmaßnahmen schon viel für die Umwelt tun kann. Man sollte erklären, dass ein besser isoliertes Gebäude auch eine stärkere Nachtabsenkung verträgt, ohne übermäßig auszukühlen.

Awareness ist auch der Schlüssel zum Erfolg, wenn es um Gewerbeimmobilien geht. Eine energetische Sanierung sollte ganzheitlich angegangen werden – und die Gebäudenutzer mitnehmen. Dann ist sie auch erfolgreich. Wer Rebound-Effekte im frisch sanierten Büro vermeiden will, muss das Thema gezielt ansprechen, muss an die Eigenverantwortung aller Mitarbeitenden appellieren.

Wir alle sollten uns von liebgewordenen Gewohnheiten der Verschwendung trennen. Wir müssen Energieeinsparung und Umweltschutz zu neuen Prioritäten machen, zu neuen sozialen Normen, zu neuen Selbstverständlichkeiten im Alltag.

1 Quelle: Tagesschau 

Umweltbundesamt

Über den Autor

Andreas Blassy
Andreas Blassy Leiter Digital- & Energie Services

Text: Eva-Maria Beck, Illustration: Thomas Hardtmann